mit brieff und sigel

Formen der Schriftlichkeit im Mittelalter

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Jennifer

Normalerweise ist das Generallandesarchiv an der Nördlichen Hildapromenade montags für Besucher geschlossen – doch glücklicherweise darf ich mit Dr. Jürgen Treffeisen einen kleinen Privatrundgang durch die neue, von ihm kuratierte Ausstellung machen: mit brieff und sigel heißt die kleine aber feine Sonderschau, die gleich im Erdgeschoss des Landesarchivs einige der kostbarsten Manuskripte aus dem Archivbesitz zeigt.

Und der Name ist Programm! Fantastische Handschriften vom Früh- bis ins Spätmittelalter sind hier thematisch ins Rampenlicht gerückt – Anniversarien, Königs- und Kaiserurkunden, Papstbullen, schmucklose Finanzlisten und vergoldete Güterbücher, Wachs-, Blei- und Goldsiegel an großen und kleinen Pergamenten.

Auch ein Rotulus wird ausgerollt.

7. September 1046: Kaiser Heinrich III. beschenkt das Domkapitel zu Speyer. GLA Karlsruhe A Nr. 85

Die Entwicklung der Schrift anschaulich machen

Ich selbst habe mich zwar im Studium durchweg mit dem Mittelalter beschäftigt, aber auch für den Laien, der sich nicht mit Latein und Mittelhochdeutsch, karolingischer Minuskel oder gotischen Schreibstilen auskennt, sind die Manuskripte eine Augenweide. Sie sind thematisch sortiert und die Inhalte der Schriftstücke verständlich erklärt. So werden Entwicklungen der Schriftlichkeit im Mittelalter deutlich, die sich an den Handschriften nachvollziehen lassen: Die anfangs häufig repräsentative, optisch extrem aufwändige Königsurkunde beispielsweise wird im Spätmittelalter oft zur „Massenware“ – mehr Lesekundige sorgen dafür, dass der symbolische äußere Charakter der verzierten Urkunde an Bedeutung verliert und nüchterner auf den Inhalt beschränkt wird.

Doch auch zeitgleich variierten je nach Schreibstube die Vorlieben: Während das Tennenbacher Güterbuch aus dem 14. Jahrhundert die Befragung der ansässigen Bevölkerung in wunderbar illuminierten Initialen darstellt und die beteiligten Personen verewigt, ist manch anderer Codex eine strikte Auflistung der vorhandenen Besitztümer – schwarz auf weiß quasi.

Tennenbacher Güterbuch, 14. Jahrhundert, GLA Karlsruhe 66 Nr. 8553

In anschaulichen Infotexten werden die Manuskripte eingeordnet und mit dem historischen Kontext verknüpft.

Hochkarätige Handschriften aus über 600 Jahre Geschichte

Ein weiterer Themenblock widmet sich der Bedeutung von Abschriften: Was war der Stellenwert einer Kopie? Wie sortierten die Klöster und Kanzleien ihre praktischen Zusammenfassungen aller über die Jahrhunderte angesammelten Urkunden? Wann wurde es üblich, dass Notare Kopien beglaubigten und ihre ganz individuellen Zeichen daruntersetzten?

Die neue Ausstellung des GLA eröffnet einen einzigartigen Blick in die Welt der Handschriften: Von päpstlichen Kurzmitteilungen über die Verleihung von Marktrechten bis hin zu Stiftungen an die Speyerer Grablege der Salischen Kaiser. Auf meine Nachfrage hin verrät Herr Treffeisen: Das Generallandesarchiv besitzt mit über 130.000 mittelalterlichen Manuskripten deutschlandweit einen einzigartig großen Handschriftenbestand und zählt zu den größten Archiven der Republik. Ein Blick auf die sonst feinsäuberlich verstauten Exponate lohnt sich also allemal!

Der Eintritt ist frei! Mehr Informationen unter https://www.landesarchiv-bw.de/web/64029

 

ÖFFNUNGSZEITEN:

14. November 2018 – 1. März 2019

Landesarchiv Baden–Württemberg

Generallandesarchiv Karlsruhe

Nördliche Hildapromenade 3

76133 Karlsruhe