Revolution! Für Anfänger*innen

weiterlesen

Jennifer

Konservativer Ausharrer oder doch eher engagierter Aufwiegler? Jede Menge politische Bildung, neues Ausstellungsdesign und revolutionäre Selbsterkenntnis gibt es ab dem 21. April im Badischen Landesmuseum, wenn es heißt: Die Revolution kehrt zurück ins Karlsruher Schloss! Wir waren vorab für Euch beim Presserundgang durch die neue Ausstellung dabei.

It’s time for another revolution

2018 jährt sich u.a. die Novemberrevolution 1918/1919 zum einhundertsten Mal. Das hat das Landesmuseum im Rahmen der Europäischen Kulturtage zum Anlass genommen, selbst einen Sprung nach vorne zu machen und buchstäblich auf die Barrikaden zu gehen: Erneut ist die rote Flagge auf dem Schlossturm gehisst! Die 600m² Ausstellungsfläche sind ein zunächst chaotisch anmutendes Wirrwarr aus Holzplanken, umgedrehten Möbeln und Schutt. Und mittendrin: Der Original-Thron der badischen Großherzöge, schief und wackelig auf einem Trümmerhaufen abgestellt. „Friedrich der Große zu Pferde“, ein ehemals kunstvolles Porträt, präsentiert sich gleich dahinter mit einem markanten Einschussloch.

Auf unsere Frage hin gibt Kurator Oliver Sänger zu: Im Unterschied zur klassischen kulturhistorischen Ausstellung ist es ein gutes Stück mehr Arbeit, Struktur in einen theoretischen Begriff zu bringen. Was ist eine Revolution überhaupt? Wie definiert man so ein alltagstauglich gewordenes Phänomen? Wieso ist die lateinische revolutio heute nicht mehr der „harmonische Kreislauf“ der Planeten wie bei Nikolaus Kopernikus? Antworten und Beispiele aus über 250 Jahren moderner Geschichte gibt es – schön symbolisch – zwischen und hinter den Barrikaden: Schlagworte sind hier zum Beispiel „Ursachen“, „Akteure“, „Gewalt“, „Kommunikation“ und „Neuordnung“. Besonders toll in diesem geschichtlichen Erlebnisraum: bunte Medienvielfalt. Statt langatmiger Tafeln neben eintönigen Vitrinen strotzt die „Revolution für Anfänger*innen“ nur so vor Abwechslung. Zeitzeugenberichte hängen als Ohrmuscheln von der Decke, Originalfilme laufen auf zahlreichen Bildschirmen, Fotos, Karikaturen und verschiedenste Objekte vom schwarz-rot-goldenen Pantoffelpaar bis zur französischen Fraternité-Keramik geben emotionale Einblicke in revolutionäre Ideologie, Euphorie, Gewalt und Neuanfang.

Zwischen Kartenspiel und Guillotine

Als wir in die „Gewalt“-Nische biegen, schluckt tatsächlich auch so mancher betagte Journalist. Hier steht nämlich eine echte Guillotine aus der Nachkriegszeit, erbaut – und wohl auch mindestens neunmal eingesetzt – von den französischen Besatzern. Ganz schön skurril wirkt das zu dem tänzerischen Frauenkampflied, das im Hintergrund läuft.

Interaktives Ausstellungsspiel

Am Ende des Spieles - Karten einscannen

Beim Umschauen fallen uns auch kleine rote Stationen auf, die uns zum interaktiven Ausstellungsspiel locken: Stell dir vor, eine Horde neuer Passagiere belegt auf dem Kreuzfahrtschiff plötzlich alle Liegestühle mit ihren eigenen Handtüchern – Was würdest Du da tun? Gar nicht so wichtig? Oder rebelliert das Gerechtigkeitsempfinden? Vielleicht wäre ein nächtlicher Überfall auf den Feind gar keine blöde Idee? Während des Rundgangs sammeln wir fleißig unsere Antwortkärtchen und sehen es schon kommen, bevor wir sie unter den Auswertungs-Scanner halten: Ob zu gemütlich oder zu pazifistisch veranlagt, aus uns werden keine großen Liegestuhl-Freiheitskämpferinnen. Wir sind wohl zu „konservativ“ oder „zweifelnd“, sagt der rote Automat. Hätten wir unsere Kolleg*innen dabeigehabt, hätten wir in der Gruppenauswertung vielleicht eine revoltierende Truppe zusammenbekommen! Tatsächlich trauen sich am Ende des Rundgangs auch nur wenige hinter den riesigen Trichter des knallroten „Proklamators“ auf dem erstmals wieder eröffneten Schlossbalkon. Wer hier seine revolutionäre Botschaft in die Welt schreien kann, kommt per Schalltechnik zumindest bis zum Karl-Friedrich-Denkmal.

Proklamator auf dem Schlossbalkon

Die revolutionäre Botschaft reicht bis zum Karl-Friedrich-Denkmal

100 Jahre später…

Die wenigsten von uns konnten die Novemberrevolution im Schloss Karlsruhe selbst miterleben. Stattdessen haben wir nun das Privileg, im Nachhinein mit mehr Wissen und (hoffentlich) mehr Vernunft einen Blick auf das gesamte Phänomen zu werfen und daraus zu lernen. Wer anderthalb Stunden in der Revolution für Anfänger*innen verbringt, kann und soll sich in die Umbrüche der Vergangenheit und Gegenwart hineinversetzen lassen – sei es die Kubanische Revolution, die Wende oder der Arabische Frühling. Und wer weiß, vielleicht steckt ja in Euch ein Sansculotte des 21. Jahrhunderts?

Mehr Infos zu Öffnungszeiten, Preisen und dem vielfältigen Begleitprogramm findet ihr auf der Homepage des Badischen Landesmuseums.

Siegel_Brombeer